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Wochen News Nummer 7

  • vor 47 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Ein Abenteuer statt Struktur

Diese Woche musste ich warten mit dem Schreiben. Am Sonntag stand ein Gravel-Abenteuer an und erst jetzt finde ich die Ruhe, darüber zu erzählen.


Ich durfte mit ein paar Locals eine lange Gravel-Tour fahren. Eine dieser Erfahrungen, die man nicht mehr vergisst. Nicht wegen der Kilometer oder der Intensität, sondern wegen dem Gefühl, wie abgelegen man sein kann. Wenn ich sage abgelegen, meine ich wirklich abgelegen. So weit weg wie Zürich von St. Gallen – nur ohne Dörfer dazwischen. Kein Haus, kein Laden, einfach nichts. In einem Radius von 20 Kilometern kein Dorf. Das können wir uns in der Schweiz kaum vorstellen.


Das Gravelbike ist hier eine riesige Bereicherung fürs Training. Keine Autos, die mit fünf Zentimetern Abstand vorbeirauschen. Stattdessen endlose rote Schotterstrassen, wie man sie von Australien-Fotos kennt. Für mich fühlte sich der Tag nicht wie Training an, sondern wie ein Abenteuer. Und genau so bin ich ursprünglich zum Sport gekommen über Abenteuer. Struktur und Trainingspläne kamen erst viel später in meinem Athletendasein dazu.


Früh los ins Nichts

Der Wecker klingelte um 4.30 Uhr. Wie immer bei solchen Tagen war ich sofort wach. Dieses Feriengefühl, das man sonst nur kennt, wenn man um 6 Uhr morgens in die Ferien fährt.


Kaffee, Frühstück, Abfahrt um 5.20 Uhr Richtung Norden. Nach knapp 50 Minuten erreichte ich eine Strassenkreuzung namens Wolvi. Wenn ihr wollt, gebt auf Google Maps „Wolvi Hall“ ein. Ihr werdet sehen: Da ist nichts. Und genau dort, wo nichts ist, parkten wir unsere Autos.

Wolvi Hall

Wir packten die Bikes aus, starteten unsere Garmin-Routen – und nach 20 Minuten rollten wir auf die erste rote Gravelstrasse. Zum Glück entschied sich Holy zu diesem Zeitpunkt noch nicht für die ersten Attacken. Das wäre mein DNF des Tages gewesen.

Es gab Abschnitte, in denen richtig Rennen gefahren wurde. Trainingstechnisch wahrscheinlich nicht besonders intelligent: Standgas, Attacke, nochmals Attacke bis der Motor fast platzte. Ich kann vorwegnehmen: Ich habe den Preis dafür bezahlt. Die letzten 40 Minuten waren zäh.


Eine andere Welt

Die Landschaft ist schwer zu beschreiben. Vielleicht gerade deshalb, weil ich sie nicht kenne. Ich kenne Berge, Alpenpässe, Mountainbike-Trails in den Bergen. Aber diese Wälder hier sind anders. Weiter. Roh. Man ist wirklich auf sich gestellt mit ein paar Kängurus und den Menschen, mit denen man unterwegs ist.

Ich auf dem Gravelbike

Nach knapp zwei Stunden erreichten wir Cooloola Cove und machten einen Kaffeehalt. Wie erklärt man jemandem, der nur die hippen Orte Australiens kennt, solche Dörfer? Es gibt nicht viel mehr als einstöckige, ältere Einfamilienhäuser aus Backstein. Man sieht ihnen an, wie heiss es im Sommer darin wird. Die Menschen wirken, als hätten sie schon immer dort gelebt. Stolz auf ihr Land. Direkt. Anders.


Nicht besser oder schlechter einfach anders als unsere Schweizer Bergdörfer. Man merkt, dass auch westlich geprägte Länder kulturelle Unterschiede haben. Ich beschreibe das aus meiner Perspektive, geprägt vom Aufwachsen in der Schweiz.


Der Abschnitt, der Energie kostete

Nach dem Auffüllen der Flaschen ging es weiter. Hohe Gräser, Sandpassagen, ein steiniger Hügel, den wir fast hochkletterten. Doch richtig Zeit verloren wir auf einem Abschnitt, den selbst die Locals nicht kannten. Viele kleine Flussüberquerungen, dazwischen grober Schotter mit grossen Steinen. Für ein Gravelbike grenzwertig.


Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit dann hörte ich den Schlag im Hinterreifen. Durchschlag. Sofort wurde es schwammig. Zum Glück konnten wir das Loch mit einem Pluger reparieren. Ich hatte davon gehört, aber es noch nie selbst angewendet. Ein Gummistreifen wird ins Loch gedrückt, die Dichtmilch erledigt den Rest. Danach aufpumpen, ein Stück fahren, nochmals pumpen.


Es hielt.


Der Abschnitt kostete uns jedoch viel Energie. Und was nicht half: In der letzten Stunde hatte ich nichts mehr zu trinken – bei 39 Grad. Die reine Fahrzeit von 4 Stunden und 15 Minuten war nicht das Problem. Aber wir waren über 6 Stunden unterwegs. Dehydrierung spürt man nicht sofort – sie kommt schleichend.


Was danach zählt: Elektrolyte, viel Essen, lockere Tage. Nicht nur Wasser trinken, sonst spült man sich einfach durch. Der Sonntag und der Montag waren bewusst ruhig, um diesen Reiz verarbeiten zu können.

Wald Strassen

Burger als Ziel

Den Abschluss machten wir im Kin Kin Hotel. Für mich gab es einen Burger, Mineralwasser und eine grosse Cola. Ob es wirklich ein guter Burger war, kann ich nicht abschliessend beurteilen. Nach sechs Stunden Abenteuer schmeckt vermutlich alles wie ein Sterne-Menü. Die Location ist jedoch speziell aber kommt ausgeruht. Musik und Atmosphäre wirken entspannter, wenn man nicht selbst halb durchgebraten am Tisch sitzt.


Weniger Geschichten – dafür eine echte

Anstelle vieler kleiner Wochenhighlights gibt es diesmal eine ausführliche Geschichte. Alles andere wäre nur Alltag gewesen – und nach diesem Sonntag hätte es sich wie ein Füller angefühlt.


Ich habe gerade gemerkt, dass ich mein Zeitfahrrad noch beim Mechaniker für das Rennen einbuchen sollte. Weniger als vier Wochen – und dann ist dieses Kapitel wieder geschrieben.


Bis dahin sammeln wir noch ein paar Geschichten.

Danke fürs Lesen und wir hören uns nächste Woche.

Vielleicht wieder ein wenig normaler.


Bis bald

 

Fotos: Matthias Hohlrieder

Link zu seiner Webseite: HOLYHOLY


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